In meinem Atelier, an der großen Malwand, habe ich mit vielen Klient:innen – große wie kleine - erlebt, wie sich durch bilaterales Malen nicht nur die Hände, sondern der ganze Körper in Bewegung setzt. Wenn beide Arme gleichzeitig Linien ziehen, Farben verteilen oder Formen entstehen lassen, geschieht etwas Besonderes: Die Aufmerksamkeit verlagert sich vom Denken ins Spüren, vom Kopf in den Körper. Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit – tief, regulierend und überraschend wirksam.

Was im Gehirn passiert: Hemisphären, Rhythmus und Regulation

BilateraleSpirale - zwei Spiralen die ineinandergreifen ind blaut- bzw. rottönen

Bilaterales Malen aktiviert beide Hemisphären – die linke, die für Sprache und Analyse zuständig ist, und die rechte, die für Bildhaftes, Emotionen und Intuition steht. Durch die gleichzeitige Bewegung beider Hände wird das Corpus Callosum, die Verbindung zwischen den Hemisphären, besonders stark beansprucht. Studien zeigen, dass dies die neuronale Kommunikation verbessert und die kognitive Flexibilität erhöht (Bolwerk et al., 2014).

Die rhythmischen Bewegungen, oft begleitet von einem tiefen Atemfluss, aktivieren das sensorisch-motorische System und fördern die Selbstregulation. In der Kunsttherapie nutzen wir diese Prozesse gezielt, um emotionale Spannungen zu lösen, innere Bilder sichtbar zu machen und das Nervensystem zu beruhigen. Die Forschung bestätigt: Bereits 45 Minuten kreativer Tätigkeit können den Cortisolspiegel – also das Stresshormon – signifikant senken, unabhängig von künstlerischer Vorerfahrung.

Zugang zu inneren Bildern und nonverbalen Prozessen

Besonders eindrücklich ist, wie bilaterales Malen den Zugang zu nonverbalen Prozessen öffnet. Viele meiner Klient:innen berichten, dass sie beim Malen mit beiden Händen plötzlich Erinnerungen, Gefühle oder innere Szenen wahrnehmen, die sich zuvor nicht in Worte fassen ließen. Die Bewegung scheint Tore zu öffnen – nicht nur zwischen den Gehirnhälften, sondern auch zwischen bewussten und unbewussten Ebenen.

Frau mal an der Wand Sprialen die ineinander greifen

Wenn Kinder mit beiden Händen malen, entsteht eine spielerische Dynamik und Konzentration

In meiner Kunstwerkstatt mit Kindern zeigt sich die Wirkung des bilateralen Malens besonders lebendig. Sobald beide Hände aktiv werden – nicht nur mit Stiften, sondern oft direkt mit den bloßen Händen und Temperafarben – entsteht eine spielerische Dynamik, die weit über das Zeichnen hinausgeht. Die Kinder tauchen ganz in den Moment ein, ihre Bewegungen werden größer, freier, rhythmischer. Sie spüren die Farbe, verteilen sie mit Handflächen, Fingern, manchmal sogar mit dem ganzen Unterarm. Diese körperlich-sinnliche Erfahrung fördert nicht nur die Freude am kreativen Ausdruck, sondern auch die Konzentration: Ich beobachte immer wieder, wie sich die Kinder ganz auf das einlassen, was sie gerade tun. Sie sind dabei mit allen Sinnen präsent.  

Die Malwand wird dabei zum Erfahrungsraum, in dem Bewegung, Farbe und Emotion miteinander verschmelzen. Das bilaterale Malen unterstützt sie darin, sich selbst zu spüren, ihre Impulse zu regulieren und kreative Lösungen zu finden. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie diese einfache, aber tief wirksame Methode Kindern wie Erwachsenen hilft, sich zu fokussieren, ihre Emotionen auszudrücken und dabei sichtbar zu wachsen.

 

Zum Ausprobieren: Lass deine Stifte tanzen!

Vielleicht möchtest du das bilaterale Malen selbst einmal erleben. Es braucht nicht viel – ein Blatt Papier, zwei Buntstifte, eine in die rechte, eine in die linke Hand. Und dann: einfach loslegen. Male Kreise, die sich begegnen oder voneinander wegdrehen. Linien, die parallel laufen oder sich kreuzen. Bewegungen, die fließen, stocken, sich wiederfinden. Es geht nicht um „schön“ oder „richtig“, sondern um das Spüren, das Erkunden, das Spiel mit beiden Händen. Lass deine Stifte tanzen und beobachte, was sich in dir bewegt.