Die kindliche Entwicklung ist ein komplexes Zusammenspiel aus motorischen, psychischen und kognitiven Prozessen. Besonders in den ersten Lebensjahren – etwa bis zum sechsten Lebensjahr – sind diese Bereiche eng miteinander verzahnt. Wenn ein Kind lernt, einen Stift über ein Blatt Papier zu führen, geschieht weit mehr als nur eine motorische Übung: Es erweitert gleichzeitig seine emotionalen und kognitiven Fähigkeiten.

In dieser sensiblen Phase werden grundlegende Themen des menschlichen Zusammenlebens wie Liebe, Vertrauen und Sicherheit verinnerlicht. Kreative Ausdrucksformen wie Malen und Zeichnen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen dem Kind, sich mit seiner Innenwelt und seiner Umwelt auseinanderzusetzen – ganz ohne Worte.

Von der Kritzelphase zur Bildsprache

Erste Malversuche eines Kindes mit Pinsel

Die Entwicklung der Kinderzeichnung verläuft individuell und ist kulturell geprägt. In der frühkindlichen Phase entdecken Kinder, dass Stifte und Pinsel Spuren hinterlassen. Die Freude am Tun steht im Vordergrund – es beginnt mit der sogenannten Kritzelphase. Parallel zur Sprachentwicklung entsteht eine visuelle Ausdrucksform: eine Bildsprache, die dem Kind hilft, sich mitzuteilen, Kontakt aufzunehmen und Erlebtes zu verarbeiten.

Diese Bilder sind mehr als nur bunte Flächen – sie sind Sinnzeichen. Sie spiegeln die kindliche Wahrnehmung und die Vorstellung von der Welt wider. Besonders im Vorschul- und Grundschulalter wird das Zeichnen zum wichtigsten Ausdrucksmittel. Es zeigt, wie Kinder beobachten, denken und fühlen.

 

erste Malversuche eines Kindes: Einfuss MenschDer Einfuß-Mensch einer 2-jährigen

Zeichnung eines Menschen von einem dreijährigenZeichung eines 3-jährigen

Selbstbildnis eines fünfjähriger JungenSelbstbildnis eines fünfjähriger Jungen

 

Kreativität als Schlüssel zur Persönlichkeitsentwicklung

Kreative Prozesse fördern zentrale Fähigkeiten wie Originalität, Flexibilität, Fantasie, Sensibilität und Reflexionsvermögen. Durch niederschwellige Kreativübungen – also leicht zugängliche und spielerische Angebote – können Kinder ressourcenorientiert begleitet werden. Diese Übungen stärken die Körperwahrnehmung, helfen beim Erkennen eigener Gefühle und Grenzen und fördern die Feinmotorik.

Neurowissenschaftliche Studien zeigen: Kreatives Tun aktiviert Hirnareale, die auch für logisches Denken und Problemlösungsstrategien zuständig sind. Das bedeutet: Malen und Zeichnen sind nicht nur Ausdruck, sondern auch Training für das Gehirn.

 

Zeichnung eines Hauses mit 4 JahreZeichnung eines Hauses mit 4 Jahre

Zeichnung eines Hauses mit 5 JahreZeichnung eines Hauses mit 5 Jahre

Zeichnung eines Hauses mit 6 JahreZeichnung eines Hauses mit 6 Jahre

 

Quelle: Facharbeit „Die Kunst als Brücke zur Seele. Bedeutung und Wirkpotenziale von Kunst in der seelischen Entwicklung eines Menschen“ (2021) von Jeannette Cerveny